Kunstpilgern – eine Reise ins Paradies

Interessant klingt immer so harmlos. Aber das Kunstpilgern war wirklich interessant. Selten fühlte ich mich so gut empfangen und so tief berührt, selten habe ich so viele schöne Orte auf einmal gesehen, selten einen so exklusiven Zugang zur Kunst erhalten.

Das Projekt #Kunstpilgern
Mit #Kunstpilgern werden vier neue Kulturrouten durch Nordrhein-Westfalen beworben. Die Touren mit den Titeln „Licht“, „Eine feste Burg“, „Jenseits“ und „Paradies“ wurden von Jan-Paul Laarmann und Jens Nieweg (Tourismus NRW/Kulturkenner.de) sowie Alissa Krusch ( Kunstsammlung NRW) konzipiert. Acht Blogger wurden eingeladen, die vier Touren zu bereisen und als Multiplikatoren über sie zu berichten. Ihre Pilgerberichte findet man unter #Kunstpilgern auf verschiedenen Social Media Kanälen.

Die Route
Ich wurde eingeladen, die Tour „Paradies“ zu bereisen. Mit dem eigenen PKW und einem Begleiter, den ich selbst bestimmen konnte. Die Reise sollte vier Tage dauern und kreuz und quer durchs Rheinland, Münsterland und Ruhrgebiet führen. Jeden Tag fielen zwei bis vier Termine an – ein Programm, bei dem mir schon vorab die Luft weg blieb. Doch war vorgesehen, dass uns in allen Museen die Kuratoren führen sollten, was ich einmalig attraktiv und unwiderstehlich fand. Deshalb begab ich mich auf die Reise. Am 1. Tag fuhren wir zur Bundeskunsthalle Bonn, ins Museum Insel Hombroich und auf die Raketenstation in der Langen Foundation in Neuss. Den 2. Tag verbrachten wir in den Gärten von Schloss Dyck, im Museum Abteiberg Mönchengladbach, im Kloster Kamp und im Landschaftspark Duisburg-Nord. Schloss Moyland und Schloss Anholt waren die Ziele des 3. Tages. Den Abschluss der Reise bildete Düsseldorf, wo sich Blogger und Organisatoren der Tour persönlich kennen lernten, im K21 durch Tomàs Saracenos „in orbit“ sowie die Ausstellung „THE PROBLEM OF GOD“ geführt wurden, im Schmela-Haus das Kunstpilgerprojekt auswerteten und an der Eröffnung von „THE PROBLEM OF GOD“ teilnahmen.

Zum Auftakt: Bundeskunsthalle Bonn
In Bonn hatte es die ganze Nacht wie aus Kübeln vom Himmel geschüttet. Am nächsten Morgen prasselte der Regen munter weiter. Die dunkelgrauen Wolken hingen tief über dem Rhein. Auf dem Weg zur Bundeskunsthalle sprangen wir mit dem Regenschirm von Pfütze zu Pfütze. „Ärger im Paradies“ heißt die dort hauptsächlich auf dem Dach gezeigte Ausstellung, auf die wir so gespannt waren. Doch – was für eine Enttäuschung! – der Zugang war wegen des Dauerregens gesperrt. Ganz kurz durften wir trotzdem hinauf, für ein schnelles Foto. Die „schönste Dachterrasse Bonns“ war menschenleer und der Blick auf das Siebengebirge nebelverhangen. So konnten wir uns den zwei Exponaten, die die Besucher einladen, sie zu benutzen, zu bewegen, zu bespielen, leider nur theoretisch annähern. Darunter Michael Beutlers bunte Heuballen und der witzige, aber auch irritierende Minigolfplatz mit dem Titel „Trümmerbahnen-Minigolf“, den die Berliner Bildhauerin Ina Weber präsentiert. Hier wird der Ball, jedenfalls wenn es nicht gerade regnet, durch mit Graffitis besprühte Überreste alter Häuser jongliert, durch einen Plattenbau, eine Tankstelle, eine Parkgarage, ein Schwimmbad – durch die Realität der uns umgebenden Architektur, die eben auch zerstörte und verfallene Häuser einschließt.

Die Ausstellung präsentiert 14 zeitgenössische Künstler. Die meisten Exponate spielen mit der Wahrnehmung der Betrachter, indem sie zunächst harmlos wirken, doch auf den zweiten Blick zeigen, was alles schief läuft im Garten Eden. Im Foyer der Bundeskunsthalle sahen wir den Blumenstrauß von Maria Loboda. Ihre Arbeit trägt den Titel „A Guide to Insults and Misanthrophy“ (Ein Leitfaden für Beleidigungen und Menschenfeindlichkeit). Der schöne Strauß, der jeden Montag neu gesteckt wird, ist alles andere als harmlos. Jede Blume steht für eine negative menschliche Eigenschaft wie Eitelkeit, Arroganz oder Machthunger. Ihre Assoziationen bezieht die Künstlerin aus einem Buch über Blumensprache aus dem viktorianischen Zeitalter.

Lange verweilten wir vor der poetischen Arbeit „For the Birds“ von Alvaro Urbano und Petrit Halalaj. Gebaut aus einfachem Maschendraht, wie man ihn für Hühnerkäfige verwendet, wächst aus der Fassadenseite der Bundeskunsthalle ein gut 50 Meter langer Tunnel, der in einem temporären „Vogelnest“ mündet, der bepflanzten Loggia der Bibliothek des Gebäudes, in der 2 Kanarienvögel leben. Die Besucher des Hauses finden hier auch eine kleine Handbibliothek zur Ornithologie und zu Vögeln in der Kunst. Die Kanarienvögel erkunden unterdessen durch ihren Tunnel das Geschehen in der Bundeskunsthalle aus der Vogelperspektive, kümmern sich nicht um die Menschen und fühlen sich dabei so wohl, dass sie inzwischen Nachwuchs bekommen haben.

Must-See
Das Museum Insel Hombroich ist ein scheuer, zurückgezogener, leicht sperriger Ort, der sich mit seinen Treppen und Kieswegen ohne Beschilderungen nicht besonders anstrengt, Familien mit kleinen Kindern oder ältere, gehbehinderte Gäste zu empfangen. Hier geht es um Kunst, Architektur und Natur – und zwar exklusiv. Nichts soll den Besucher in seiner Konzentration stören und so ist selbst das gastronomische Angebot in der Insel-Cafeteria klösterlich karg. Ich mochte diese Kompromisslosigkeit und Konzentration sehr. Alles in Hombroich ist schön, von reduzierter Ästhetik, ein wenig abgehoben und steht im krassen Gegensatz zum Industriepark Duisburg-Nord, den wir am gleichen Tag besuchten. Die 180 ha große Industriebrache, das frühere Hüttenwerk von Thyssen Krupp, das für die Männer, die früher dort am Hochofen gearbeitet haben, eine Art Hölle gewesen sein muss, trägt nach seiner Stilllegung und Restrukturierung im Rahmen der IBA Emscher Park heute durchaus paradiesische Züge. Sie ist ein lebendiger, durchaus auch schöner Ort. Im Zentrum steht das stillgelegte Hüttenwerk. Dessen Gasometer ist heute Europas größtes künstliches Tauchsportzentrum, die Erzlagerbunker wurden zu einem Klettergarten, ein Hochofen wurde zum Aussichtsturm. Doch das Highlight ist die Lichtinstallation des britischen Künstlers Jonathan Park, die dem Gelände nach Einbruch der Dämmerung einen ganz eigenen ästhetischen Reiz verleiht.
(Der Landschaftspark ist an 365 Tagen im Jahr kostenfrei begehbar. Herzlichen Dank an Claudia Kalinowski für die Führung.)

Übernachten
Das Gästehaus der Langen Foundation liegt auf der Raketenstation Hombroich. Sie wurde von der NATO im Zuge des Kalten Krieges eingerichtet und bis 1990 genutzt. Karl-Heinrich Müller, der Gründer des Museums Insel Hombroich, erwarb sie 1994. Heute gehört der Ort zur Stiftung Insel Hombroich. Hier leben und arbeiten bildende Künstler, Autoren und Komponisten. Es finden Ausstellungen und Konzerte statt. Um die ursprüngliche Bestimmung der Raketenstation nicht vergessen zu lassen, wurde das ehemalige Militärgelände behutsam umgestaltet. Tadao Ando, Alvaro Siza und Claudio Silvestin bauten Veranstaltungs- und Ausstellungsgebäude. Darüber hinaus entstanden ein eigenständiger Landschaftsraum, ein Klostergarten und ein Gästehaus für Besucher. Es ist ein magischer, stiller Ort mit dem Namen „Kloster“. Ein idealer, zentral gelegener Übernachtungsort für die Kunstpilgerfahrt durchs Rheinland, jedenfalls für Besucher, die die Abgeschiedenheit mögen. Das strenge Gebäudeensemble des Architekten Erwin Heerich ist aus rotem Klinker errichtet worden. In seinem Zentrum befindet sich eine große Eiche. Um sie herum gruppieren sich 14 Gästewohnungen, jeweils mit eigenem Eingang zu einem 4 Meter hohen Raum mit Pultdach. Die Möblierung ist schlicht und sehr schön. Sie besteht aus Tisch, Stuhl, Bett, Nachttisch, einem offenen Schrank ohne Hinterwand und Türen und Fabrikleuchten als Decken- und Nachttischlampe. Das minimalistische Inventar wird ergänzt durch hochwertige Leinenbettwäsche, puristische Badehandtücher und solide Schurwolldecken. Gastronomie fehlt im Gästehaus, jedoch kann jeder Gast die exzellent ausgestattete Profiküche im Gemeinschaftshaus nutzen und seine Mahlzeiten im Speiseraum einnehmen. Man sitzt auf Hockern an einem 10 Meter langen Tisch mit Blick in den Garten.

Pleasure & the Pilgertour
Eine Kunstpilgerfahrt ist in dreierlei Hinsicht genussreich. Es geht um Kunst um Natur, aber auch um die profanen, aber nicht zu verachtenden Freuden danach. Um Kaffee und Kuchen im Museumscafé und das Stöbern im Museumsshop. Ich bin ein großer Freund von Museumsshops und Museumscafés. Ich plädiere ganz ausdrücklich dafür, sie aufzusuchen.

Das Besondere an Museumsshops ist ihr gutes, weil kitschfreies Angebot. In der Regel gilt: je kleiner, desto individueller, wie zum Beispiel in Schloss Moyland. Dort fand ich schön eingebundene Bücher aus handgeschöpftem Papier in ungewöhnlichen Formaten und gefilzte Kasperlepuppen als witziges und robustes Kinderspielzeug. Dazu schöne Kunstpostkarten und Bücher über Joseph Beuys. Auch Klosterläden wie der von Kloster Kamp sind immer eine Fundgrube, insbesondere für Kerzen, Honig, besondere Marmeladen, Säfte, Schnäpse und Obst.

Museumscafés sind ganz großes Kino. In ihnen findet auch ein Mensch, der im sicheren Hafen einer bürgerlichen Existenz dahindümpelt und sich gerne der Kunst nahe fühlt, seine Bühne. Er kann sich der Illusion hingeben, er sei der Kunst nahe, ohne das Mindeste mit der Kunst zu tun zu haben. Das Ungewöhnliche an der Cafeteria im Museum Insel Hombroich ist, dass es sich gegen dieses Konzept sperrt. Hier sind die Möblierung und das gastronomische Angebot karg. Der Gast stellt sich seine Mahlzeit an einem Buffet zusammen, das man „übersichtlich“ nennen kann. Es gibt Pellkartoffeln, Schmand, geschnittene Kräuter, Apfelmus, Brot, Butter, Mineralwasser – und fertig. Man sitzt auf eher unbequemen Thonet-Stühlen ohne Armlehnen und isst mit dünnem Wegwerf-Holzbesteck vom weißen Pappteller. Allerdings sitzt man in einem unglaublich schönen Gebäude von Erwin Heerich, das wie eine Orangerie wirkt, nach Süden hin komplett verglast ist und den Blick frei gibt auf den Landschaftspark mit seinem historischen Baum- und Pflanzenbestand, der Lebensraum für viele Tierarten bietet. Natürlich gibt es keine Zeitungen und nicht mal WLan, denn nichts soll den Besucher ablenken in seiner Konzentration auf den Ort, die Kunst und sich selbst.

Ein anderes außergewöhnliches Café ist das Refektorium des Klosters Kamp. Es ist als Spendencafé und „Ort der Gastfreundschaft“ konzipiert. Eine Speisekarte, feste Preise oder eine Bedienung gibt es auch hier nicht. Ehrenamtliche Helferinnen bieten Getränke, kleine Speisen und Kuchen an, der, das muss hier mal gesagt werden, eine Offenbarung ist. Große Stücke, saftig und üppig, die irgendwie katholisch schmecken, jedenfalls nach pfundweise „Guter Butter“ und zehn Eiern.

Zum Abschluss: K21
THE PROBLEM OF GOD ist eine Ausstellung mit sperrigem Titel und bewegendem, wenn nicht verstörendem Inhalt. Im Untergeschoss des Museums klammert sich Berlinde De Bruyckeres nackter „Schmerzensmann“ an einer Haltung an einen Eisenpfahl, der Assoziationen an Jesus am Kreuz weckt. In einer Mauernische hat die Holzbildhildhauerin Paloma Varga Weisz eine männliche „Leiche“ platziert. Ein fast monochromes schwarzes Bild von Ad Reinhard trifft auf ein weißes Triptychon von Robert Rauschenberg. „Weiß wie Gott.“, sagte Rauschenberg dazu. Weiß wie die Leere, wie das Unsichtbare. Und dann steht man vor der auf den ersten Blick unspektakulären Arbeit von Pavel Büchler. Sie trägt den Titel „The Problem of God“. Sie hat der Ausstellung ihren Namen gegeben und zeigt das Kernproblem der Religion. Man sieht einen Schaukasten, darin ein Buch mit dem Titel „The Visible. The Invisible“. Im Buch liegt ein Vergrößerungsglas, und zwar genau auf den Wörtern „The Invisible“. liegt.

Unter den 33 Exponaten dieser Ausstellung ist auch eine Arbeit des Installationskünstlers Georges Adéagbo aus Benin, die einen kompletten Raum einnimmt, der wie ein deutsch-afrikanischer Flohmarkt wirkt. „Kunst ist wie ein Spiegel, in dem man sich selber sieht.“, erklärt der zufällig anwesende Künstler. Auf dem Boden liegen Stapel von Zeitschriften, Schallplatten und Filmkassetten. Man entdeckt ein Buch mit dem Titel „Das schwarze Herz“. An den Wänden hängt ein Sammelsurium von Kinderspielzeug, Zeitungsausschnitten, afrikanischen Masken und beschrifteten Zetteln. Adéagbo, er ist auch ein manischer Sammler, hat einen Teil der Gegenstände im Vorfeld der Ausstellung auf Düsseldorfer Flohmärkten erworbenen. Damit wird die Installation zu einem Archiv, die uns unsere eigenen Konventionen und Klischées vor Augen hält und in dem wir zu Forschern unserer selbst werden.

Mitbringsel
Monstranzbohnen aus dem Kräutergarten von Schloss Moyland, die ich als Erinnerung ans Kunstpil-gern in meinen eigenen Garten setzen möchte. Bienenhonig und Apfelkonfitüre aus Kloster Kamp. Aber wie es sich für eine Pilgerfahrt gehört, auch Erkenntnisse. Zum Beispiel:
1. Die Begegnung mit Kunst und Natur bringt das Beste in uns zum Vorschein. Offenheit, Ruhe, Großzügigkeit und die Suche nach Sinnhaftigkeit.
2. Das Paradies findet man abseits der Metropolen in der Abgeschiedenheit.
3. Den Wunsch wieder zu kommen. An jeden einzelnen Ort zurückkommen. In Muße, ohne Zeit-druck und Hektik, ohne Smartphone und Armbanduhr. Im eigenen Rhythmus.

(Der Text wurde in gekürzter Form auf www.ichkannnichtmehrlebenohne.de veröffentlicht.)

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