Diese kleinen, mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kästchen

Meine Schwiegermutter, eine ebenso elegante wie lebenskluge Frau, beherrschte die Kunst, erlesene Geschenke zu machen. Ihr Credo: Frauen schenken Frauen den kleinen Luxus zum Noch-Schöner-Sein. Männer schenken Frauen Schmuck. Punkt.

In ihrer über fünfzigjährigen Ehe bekam meine Schwiegermutter zwei Mal im Jahr von ihrem Mann Schmuck geschenkt. Die Folge davon war neben einer mit beachtlichem Inhalt gefüllten Schatulle ihre Überzeugung, dass es niemals eine größere Liebe gegeben habe als die ihres Mannes zu ihr. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag, nachdem sie schon ein Jahrzehnt lang verwitwet war, gestattete sie einem langjährigen Verehrer, sie einmal in der Woche zum Mittagessen auszuführen. Doch nur für kurze Zeit, bis er den unverzeihlichen Fehler beging, der Frau, die es gewohnt war, dass ihr verstorbener Mann freiwillig einen vierstelligen Betrag in den Inhalt kleiner, schwarzer, mit Samt ausgeschlagener Kästchen investierte, eine Flasche Parfüm zum Geburtstag zu schenken. Immerhin, denn er hätte ja auch mit einem Rührmix oder einem Satz Biberbettwäsche angetrottelt kommen können. Auf jeden Fall hatte es sich für ihn nun ausgegessen am Mittag.

In der Generation meiner Mutter und meiner Schwiegermutter war es Schmuck, der etwas darüber aussagte, ob der Mann es zu etwas gebracht hatte im Wirtschaftswunder-Deutschland. Und so legten beide Mütter an, was die Schatullen hergaben. Pfundweise Perlen. Kurze Perlenketten über langen Perlenketten, vielreihige Perlenarmbänder, Broschen und Ringe mit Perlen. Sie funkelten Weihnachten mit dem Christbaum um die Wette und taxierten einander nach dem Motto: Wer bringt mehr auf die Waage? Leider zog meine Mutter immer den Kürzeren, denn sie war eine Frau, die einen großen Garten bewirtschaftete, Marmeladen einkochte und dabei bunte Kittel mit kleinen Mustern trug. Gegen die prächtige Schwiegermutter hatte sie keine Chance und damit war das Weihnachtsfest für sie leider gelaufen.

Als ich zum ersten Mal eine Perlenkette geschenkt bekam, war ich 14. Ich hatte Konfirmation. Gegen Ende der Feier, als am Nachmittag die Buttercrèmetorten verspeist waren, durfte ich meine Geschenke auspacken. Irrsinnigerweise schenkte man damals einem Mädchen zur Konfirmation eine „Aussteuer“. Hellblaue Frotteetücher mit der Aufschrift „ER“, blassrosa Handtücher mit der Aufschrift „SIE“, 12teilige Silberbestecke und jede Menge „Maria Weiß“. Nichts davon habe ich je benutzt. Allein die Kette mit den kleinen Süßwasserperlen gefiel mir. Perlen gehörten Ende der Sechziger Jahre zum Leben einer Frau. Ich gehörte jetzt zu ihnen, den Frauen, und das machte mich froh.

Meine Schwiegermutter, wie gesagt: eine lebenskluge Frau, brachte ihren Söhnen bei, dass ein Mann nicht zu hinterfragen hat, warum er einen vierstelligen Betrag in kleine, schwarze, mit Samt ausgeschlagene Kästchen investieren soll. Sie erklärte ihnen, dass der Inhalt des Kästchens so viel mehr war als das Körnchen Schmutz, um das herum sich Perlmutt gebildet hatte. Die Perlen sagten der Frau, dass sie die Eine sei, die Einzige, die, die für immer und ewig bleiben würde. Dem Mann gaben sie die Sicherheit, dass er in den nächsten Monaten seine Ruhe haben würde.

Auch Großschenker wie Gunter Sachs und Richard Burton wussten das. Doch trotzdem suchte Brigitte Bardot bald das Weite und auch Liz Taylor ließ sich durch Richards Klunker nicht zum Bleiben veranlassen. Was ist also los mit den Frauen der Nach-Mütter-Generation? Wollen wir keinen Schmuck mehr? Aber klar doch! Nur haben wir einen Beruf, sind dadurch finanziell unabhängiger und können uns unseren Schmuck selbst kaufen – wenn wir ihn denn wollen. Der Mann ist nicht mehr zuständig für ein bisschen Glitzer, sondern mehr für die große Geste. Meinetwegen einen Spielzeugring aus dem Automaten, aus dem Helikopter überm Haus abgeworfen

(Der Text wurde im April 2015 in der COSMOS, dem Journal der Unternehmensgruppe Graf von Oeynhausen-Sierstorpff veröffentlicht.)

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