Mein Leben in High Heels

Neulich holte mich ein alter, den schönen Dingen des Lebens zugetaner Freund zum Abendessen ab. „Warum trägst Du keine High Heels?“, fragte er mit leisem Ekel in der Stimme, nachdem er meine Flats gesehen hatte. Blöde Frage, dachte ich. Weil ich mir darin auf dem Weg ins Restaurant die Knöchel brechen würde. Vielleicht verginge mir auch vor Fußweh der Appetit. Denn alles über 55 mm ist nicht angenehm. Jeder Schuhdesigner, der etwas anderes behauptet, belügt die Frauen. Jede Frau, die etwas anderes behauptet, belügt sich selbst. Es quetscht die Zehen, es schneidet an der Hacke, es brennt unter der Fußsohle; die Knöchel, Waden und Knie explodieren. Warum tun sich Frauen das an? Ich bin schlichtweg nicht bereit, mich so zu quälen.

Ehrlich gesagt ist es so: Ich bin nicht MEHR dazu bereit. Früher war ich durchaus anfällig für komplizierte Schuhe. Optik galt in meinen jüngeren Jahren mehr als Bequemlichkeit. Wohl auch, weil ich mir meiner Selbst noch nicht gewiss war. Deshalb war es so wichtig, mit Hilfe von Kleidung auszudrücken, wer ich zu sein glaubte oder sein wollte. Zur Belohnung nach einer anstrengenden Arbeitswoche investierte ich schmerzlos gewaltige Summen in ein kobaltblaues, geflochtenes Wunderwerk mit Fesselriemchen und 10 cm Stilettos. Reine Taxischuhe, in denen ich mich zwar nicht fortbewegen, aber durchaus gekonnt auf einem Barhocker sitzen konnte. Jedenfalls wenn ich mich erst mal auf ihn hinauf gearbeitet hatte. Ich war begeistert von Schuhen, in denen ich mich in ein anderes Leben hineinträumen konnte und merkte nicht, dass sie sich viel zu wichtig machten. Sie verlangten volle Konzentration auf jeden Schritt und als Folge davon verbrachten sie die meiste Zeit in ihren mit Seidenpapier ausgelegten Schuhkartons. So kam es, dass ich überlegte, mir ein Glasregal bauen zu lassen, um sie wenigstens zu sehen, wenn gehen schon nicht möglich war.

Meine Vorliebe für High Heels endete auf einer Silvesterparty vor 10 Jahren. Ich trug neue Ankle Boots mit Plateausohlen und 12 cm Absatz, in denen ich gerade noch die zehn Schritte bis zur Tanzfläche schaffte, dann aber dort für den Rest der Nacht als Litfasssäule herumstand, weil ich lang hingeschlagen wäre, wenn ich auch nur zum kleinsten Wiegeschritt angesetzt hätte. Zur weiteren Läuterung trug eine große Familienfeier bei. Ich trug einen Hauch von Lackledersandale mit hohem Bleistiftabsatz. Der Weg vom Auto zum Restaurant über das Kopfsteinpflaster des Parkplatzes war eine echte Herausforderung, bei der ich den Himmel schon offen sah. Es kann durchaus eine Gnade sein, dass wir uns selbst beim Gehen nicht zusehen können. So wie wir ja überhaupt viel weniger von uns sehen als andere. Doch manchmal gibt einem das Leben die Gelegenheit, sich in anderen zu spiegeln. So geschah es hier. Ich sah all die Frauen, die ebenfalls schwitzend in viel zu hohen Schuhen über den Parkplatz stöckelten und erkannte in diesem Moment in ihrer Angespanntheit mich selbst.

In den letzten Jahren hat sich mein Lebensgefühl verändert. Ich muss heute nicht mehr gefallen. Mein Schuh-Motto lautet: Immer schön auf dem Teppich bleiben. Dazu gehört eine Fußbekleidung, in der ich mein Leben leben kann. Schuhe, die alles mitmachen. In denen ich große Schritte machen, aufs Fahrrad steigen kann und notfalls hinter dem Bus herrennen kann. Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Ich hole mir die Schuhe nicht beim Orthopäden ab. Zwar trage ich flach und bequem, aber immer schön. Immer mit Fußbett, gelegentlich mit kleinem Absatz. Für Schuhe bin ich bereit, richtig Geld auszugeben, denn leider gilt: Nur ein teurer Schuh ist ein guter Schuh. Es gibt zum Glück viele Firmen, die gute Flats anbieten und manchmal schaffen sie es auch bis in den Schlussverkauf.

Die Pariser Frühjahrsschauen vom Januar 2014 zeigen, dass ich mich in guter Gesellschaft befinde. Karl Lagerfeld ließ seinen Models Sneakers über die edlen Porzellanfüße streifen. Was könnte moderner sein in Zeiten, in denen uns so vieles verunsichert, als Schuhe, über die wir nicht weiter nachdenken müssen?

(Der Text wurde im April 2014 im Cosmos, dem Journal der Unternehmensgruppe Graf von Oeynhausen-Sierstorpff veröffentlicht.)

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