Mein Leben mit grauen Haaren

Monat 1
Andere Frauen in meinem Alter haben Angst, dass ihnen die Gesichtsnähte platzen und ich beschließe freiwillig, mit dem Haarefärben aufzuhören. Seit Tagen versuche ich nun schon, über diesen Selbstversuch zu schreiben, aber das ist nicht so leicht. Das Einüben neuer Schminktechniken, um vom Grau des Haaransatzes ab- und auf die Gesichtsregion umzulenken, erfordert so viel Zeit, dass ich kaum noch dazu komme, mich an den Laptop zu setzen. Was meinen Sie denn, wie lange es dauert, bis einem der Schwalbenschwanz-Lidstrich gelingt? Jedenfalls wenn man wie ich bisher zum Schminkproletariat gehört und höchstens mal mit einem Lippenstift dilettiert hat.

Dies sei den Nicht-Initiierten gesagt: Man kann Haare nicht einfach grau färben. Man kann sie braun, schwarz, blond und meinetwegen grün färben, aber nicht grau. Wer seine Haare viele Jahre coloriert hat und damit Schluss machen möchte, muss das Grau aus den Haaren herauswachsen lassen. Zentimeter für Zentimeter. Meine Haare sind 25 Zentimeter lang. Bis sie vollständig entfärbt sind, könnte es noch 18 Monate dauern, 18 Monate, die Sie nicht als Einsiedlerin in einer Höhle verbringen wollen. Damit Sie in dieser Zeit nicht daherkommen wie eine Frau, der alles egal geworden ist und die sich demnächst einen Dutt zwirbelt, müssen Sie ihre Haare alle vier Wochen strähnen und schneiden lassen. Auf dem Weg zum Friseur starren Sie allen Damen ungeniert auf den Haarschopf. Das liegt an Ihrer momentanen Haarfixierung. Natürlich sehen Sie keine einzige Frau mit grauen Haaren, eine melierte wie Sie selbst schon gar nicht. Im Friseursalon sind jetzt Geduld, eine dicke Geldbörse und eine Portion Ignoranz gefragt. Welche chemischen Keulen meine Friseuse derzeit auf meine Haare aufträgt, will ich lieber gar nicht wissen. Saß ich früher 45 Minuten mit der Coloration unter der Trockenhaube, dauert es jetzt fast zwei Stunden. 1. Gang: Entfärbung. 2. Gang: Die feinen, blonden Übergangs-Strähnen werden mit dem Kamm aufgetragen, auf eine Art Butterbrotpapier gebettet, wo sie einwirken sollen. Waschen, Schneiden, Fönen folgen. Das bedeutet, Sie kommen als Erste in den Salon und sitzen immer noch im Friseurstuhl, wenn alle anderen schon mit ihren Shoppingtüten durch die Stadt ziehen. Dafür hatten Sie aber Zeit, den ganzen Lesezirkel samt Kreuzworträtseln durchzuarbeiten. Was Sie davon abhalten mag, beim Anblick Ihres entfärbten und damit farblosen Spiegelbildes in Zweifel darüber zu geraten, ob Sie diesen Kampf um den Mut zum Grau und der Abkehr von manipulativer Werbung und aufoktroyierten Schönheitsidealen wirklich bis zum Ende durchhalten werden.

Und anschließend? Frisch gesträhnt, blondiert und in der Annahme, niemand sähe, was gerade auf meinem Kopf passiert, gehe ich noch schnell zu Karstadt rein, um Lebensmittel zu kaufen. In der Fischabteilung starrt mir die Verkäuferin unverhohlen auf den Scheitel. „Ach!“, fragt sie. „Sie lassen sich das Grau rauswachsen?“ Pause. „Ich wollte, ich würde mich das auch trauen.“ Die Gute, fast hätte ich ihr den Fisch um die Ohren gehauen.

Monat 2
Schlimm war die Sache mit George Clooney neulich im Café. Ich wollte eigentlich in Ruhe Zeitung lesen, doch am Nebentisch tagte schnatternd ein gutsituierter Kaffeeklatsch der Seide-Kaschmir – Trägerinnen. Generation Doris Day. Eine der aufpolierten Damen warf laut in die Runde: „Habt ihr George Clooney in der Nacht vor den Oscars gesehen? Seitdem er graue Schläfen hat, finde ich ihn noch attraktiver. Bei ihm sieht das ja fantastisch aus, aber bei einer Frau?“ Ich nippte an meinem Milchkaffee und versuchte, wie eine Sphinx über die zu dunkel gefärbte Betonfrisur der selbstgewissen Dame hinweg zu lächeln, freute mich aber innerlich diebisch, dass ihr Haarton ziemlich unschmeichelhaft aussah. Die Frage, warum ein Mann sein Alter zeigen darf und eine Frau nicht bzw. ob es stimmt, dass ein Mann im Alter attraktiver wird und eine Frau hässlicher, beschäftigte mich für den Rest der Woche.

Schön war die Begegnung letzten Sonntag am Gartenzaun. Ich redete ein bisschen mit der Nachbarin, der mit dem Putzwahn, die immer so leidend guckt – ich kenne sie nur mit Gummihandschuhen und weißem Kittel. Dass ich nie begreifen werde, wie man Putzen zu seinem Lebensinhalt machen kann, das ist ein anderes Thema. Doch miteinander reden ist ja nie verkehrt. Ich erzählte ihr, als ob man es nicht längst sähe, dass ich aufgehört habe, meine Haare zu färben und sie fragte postwendend: „Was sagt denn Ihr Mann zu Ihrer Ergrauung?“ „Ergrauung“ sprach sie aus wie ein Wort, das ihr Brechreiz verursacht und überhaupt hatte die Frage so einen gewissen Unterton. „Wie können Sie ihm das Elend zumuten?“ Dafür kann sie natürlich nichts, dass sie so redet. Das hat das Putzen aus ihr gemacht. Zum Glück parierte ich ganz locker: „Nichts sagt er dazu. Er ist ein kluger Mann. Er sagt, dass ich ein Gesamtpaket bin, das viel mehr ist als mein Haar.“ Ich hätte es auch bei den zwei ersten Sätzen belassen können. Der dritte war zugegebenermaßen gelogen. So säuselt er nicht daher, der Mann. Aber ich fand, dass der Zweck in diesem Fall die Mittel heiligt. Die Nachbarin guckte schön bedröppelt und begann, sich schmallippig wieder ihrer Obsession zu widmen und an ihrem ohnehin fast chromglänzenden Zaun herum zu feudeln. Und ich klopfte mir innerlich auf die Schulter, weil ich mir ein so grandioses Kompliment erfunden hatte.

Monat 3
Sonntag, morgens um 11. Ich mache den Alte-Zeitschriften-Stapel-Test: Wie viele Abbildungen von Frauen mit grauen Haaren finde ich in einer Stunde? Antwort: Fünf. Donna Leon in der „Annabelle“, Queen Elizabeth in „Harper´s Bazaar“, Erika Pluhar sowie die Literaturnobelpreisträgerinnen Nadine Gordimer und Toni Morrison in „BRIGITTEwoman“.

Fünf. Nur fünf. Du blätterst eine Stunde lang Frauenzeitschriften durch, die sich explizit an Leserinnen um die Vierzig oder darüber wenden und entdeckst nur fünf ältere Frauen. Dafür siehst Du ein paar frisch gebotoxte Models um die 40 und wie mit dem Weichzeichner glattgebügelte Hochglanz-Abbildungen von honigblonden Schauspielerinnen im Rentenalter, die aussehen, als hätten sie keine Vergangenheit.

Über die verdeckte Altersdiskriminierung in Frauenzeitschriften, auch wenn ich diese hier zufällig ausgewählt habe, muss man sich empören. Aber da sind wir bei einem anderen Thema. Zurück zu meinem Fotofundus. Den allererfreulichsten Anblick unter meinen weißhaarigen Damen bietet die älteste, die Queen. Strotzend vor Gesundheit, Disziplin und Ausdauer hat sie 12 US-Präsidenten und 7 Papste ausgesessen, war als Mutter von 4 Kindern stets berufstätig, läßt bis heute jedes Jahr 50 000 Gäste im Buckingham Palace bewirten und arbeitet noch immer jeden Tag.

P1120560Ich lege ein Moodboard mit den Fotos an, so wie ich es immer tue, wenn ich nach Ideen suche. Dieses Mal geht es um die Frage: Welcher Typ Frau kann man sein mit grauen Haaren? Oma und komische Alte à la Iris Apfel kommen nicht in Frage. Avantgarde wie die holländische Trendforscherin Li Edelkoort? Joni Mitchel/Ich-stehe-total-über-den-Dingen – Künstlerin? Oder Christine Lagarde? Die IWF-Chefin ist die Ikone aller grauhaarigen Frauen. Extravagant und schillernd hat sie mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass eine Frau, die sich in einer konkurrenzbetonten Berufswelt beweisen muss, nicht ergrauen darf, weil man sie sonst für weniger leistungsfähig, weniger dynamisch, weniger energisch hält.

Mein Moodboard der Silverliner. Mein Moodboard der Zukunft. Es ist merkwürdig. Ich sehe mir die Fotos der Frauen an. Nicht mehr taufrisch, aber erst recht nicht alt. Inspirierend ist die Haltung, die die Frauen auf den Fotos eint. Sie strahlen Charme, Witz, Eleganz, Esprit, gesunden Menschenverstand, Lebenslust, ungebremsten Spaß an der Mode und Authentizität aus. Attribute, auf die man als Frau setzen kann. Denn sie haben KEIN Verfallsdatum.

Monat 4
Im vierten Monat wird es richtig schlimm. Sie gucken in den Spiegel, sehen ein bleiches Geschöpf und denken: „Ich finde diese weißen Haare auf meinem Kopf GRAUENHAFT.“ Vorausgesetzt, Sie blicken noch in den Spiegel. Ich versuche gerade, das so wenig wie möglich zu tun. Aber es ist nicht nur die Farblosigkeit der Haare, es ist auch ihre veränderte Struktur. Das nachwachsende weiße Haar auf dem Oberkopf sprießt fein und watteweich, das noch gefärbte und dadurch dickere Haar hängt schwer wie Blei am Flaum. Es ist mir ein Rätsel, wie man daraus eine Frisur formen soll.

Bei allem Enthusiasmus für die gute Sache – natürlich graues Haar, Abkehr von der Chemie, das Spiel nicht mehr mitspielen – sind wir doch immer auch eitel. Ich finde das absolut in Ordnung, gerade ein älterer Mensch sollte nicht mal im Traum darüber nachdenken, seine Eitelkeit aufzugeben. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass wir uns in unserem Bestzustand präsentieren möchten. Von dem sind Sie, was die Haare betrifft, im vierten Monat der Entfärbung allerdings weit entfernt. Das geht sogar so weit, dass Sie meinen, sich hinter einer Hauswand verstecken zu müssen, sobald Sie auf der Straße einem Mann begegnen, für den Sie früher mal geschwärmt haben. Ich garantiere Ihnen, das ganze Geschwirl fällt Ihnen wieder ein, wenn Sie in die Versuchung geraten, das Haus ohne Mütze oder ohne Lidstrich zu verlassen. Denn obenherum sehen Sie jetzt aus, als trügen Sie untenherum graue Schnürschuhe und Funktionshosen, bei denen Sie im Sommer unterm Knie das halbe Hosenbein mit dem Reißverschluss abtrennen.

Als Ausgleich muss eine farbenfrohe und flotte Garderobe her. Ein Wickelkleid in Türkis wäre gut, eine hellblaue Bluse mit weißen Punkten, ein kornblumenblauer Overall, eine sonnengelbe Strickjacke, ein korallenroter Trench, alles mit korrespondierenden Schuhen und Taschen. Natürlich werden Sie versucht sein, ausschließlich feinste Materialien, gediegene Schnitte, Zeitlosigkeit in Betracht zu ziehen, denn es reicht schon, dass Sie auf dem Kopf so aussehen, als könnten Sie sich den Friseur nicht mehr leisten. Was soll es, wenn Sie für einen Moment die Wirklichkeit in Form von Steuerbescheid, Dispokredit und Nebenkostennachzahlung ignorieren und einen Betrag für Ihre Garderobe ausgeben, für den Sie früher einen Kleinwagen gekauft haben? Wenn Sie jetzt, sagen wir mal 3000 Euro für die neue Ausstattung auf den Ladentresen blättern, kann man das als exzellentes Investment betrachten. Das Bad-hair-Jahr dauert noch acht Monate an. Das sind 240 Tage. In dieser Zeit amortisiert sich die Summe auf 12 Euro 50 täglich. Weniger als drei Tassen Kaffee pro Tag. Also drei sehr große Tassen Kaffee. Der Therapeut, den Sie aufsuchen müssten, um den defizitären Blick auf sich selbst wieder in eine positive Einstellung zu verwandeln, wäre jedenfalls teurer.

Monat 5
Fast. Fast wäre es in dieser Woche vorbei gewesen. Fast wäre ich bei meiner Friseurin gelandet und hätte ihr gesagt: „Jetzt ist Schluss mit diesem vermaledeiten Spuk. Rühr die Farben an und mach alles wieder gut.“ Zuvor war ich ein paar Tage verreist. Istanbul. Es wurden jede Menge Fotos geknipst. Ich von vorne, von hinten, von der Seite und ganz viel von Oben.

Zu Hause sah ich mir die Fotos an. Bis dahin hatte ich keine Ahnung gehabt, was in den letzten Monaten alles an meinem Hinterkopf passiert ist, dort wo die Wirbel die Regie führen. Der Fotobeweis war eindeutig: An dieser Stelle sahen die Haare aus wie verschimmelt. Verschimmelt aussehende Haare, besonders wenn sie sich dem Blick entziehen, weil sie am Hinterkopf wachsen, sind sehr irritierend. Es sind die eigenen Haare und deswegen möchte man, dass sie wundervoll aussehen. Aber sie sehen verschimmelt aus, und dafür hasst man sie.

Ich löschte alle Fotos von mir bis auf dieses eine hier, das ein bisschen verwackelt ist und auf dem ich eine Mütze trage.P1130080

Dann wurde ich erst mal krank. Beim ersten Blick in den Spiegel nach ein paar Tagen mit Fieber im Bett schlug es mich vor Schreck gleich wieder in die Kissen zurück. Andere haben Sex auf dem Küchentisch, dachte ich. Sie tragen glänzende, schicke Frisuren. Sie haben Männer, die ihnen ganze Tulpenfelder zu Füßen legen. Sie werden in teure Restaurants ausgeführt und unsereiner schwitzt hier grau und alt vor sich hin und mümmelt schon den dritten Tag Hühnersuppe aus dem Glas. Saublöder Selbstversuch! Saublöder! Soll sich doch eine andere hier zum Deppen machen und sich ein Jahr lang mit gescheckten Haaren zur Schau stellen. So dachte ich und tat mir sehr, sehr leid.

Sonntag kam meine Lieblings-Sonntagszeitung. Ich liebe Sonntagszeitungen, natürlich nur anspruchsvolle Qualitätspresse, alles andere ist indiskutabel. Zu den Dingen, die ich an einem Sonntag am meisten schätze, gehört die Sonntagszeitung. In der Stilrubrik las ich einen eigentlich völlig irrelevanten, aber für mich fast lebensrettenden Artikel über einen neuen Trend auf den Modewochen in Mailand und London. Two –tone hair, zwei Farben im Haar. Vom Scheitel bis zum Ohr wasserstoffblond und dann kohlrabenschwarz. Oder umgekehrt. Zwei Londonerinnen erzählen, es habe ein Jahr gedauert, bis sie einen Friseur gefunden haben, der wusste, was sie wollten. Er heißt Daniel und arbeitet bei Taylor Taylor in Notting Hill.

Jetzt werden Sie verstehen, warum ich Ihnen nur dringend empfehlen kann, eine Sonntagszeitung zu lesen. Ihr Leben ist in Schutt und Asche, Sie sind kurz davor, sich bei einem peruanischen Schamanen zum Retreat anzumelden, dann studieren Sie einen Artikel in der Stilrubrik der Sonntagszeitung und schon ist alles wieder im Lot. Die Transformation vom verhuschten Fotoopfer zur Trendsetterin mit hippem Two-tone gelang mir ziemlich glatt. Morgen habe ich mich beim Friseur angemeldet. Ich lasse die Haare 10 Zentimeter kürzen, auf dass der Grauanteil noch größer werde. Anschließend Wimpern färben, Maniküre, Make up, alles. Danach kaufe ich Arme voller Tulpen. So viele, dass die Vasen platzen. And the Selbstversuch goes on ….

Monat 6
In der Nacht, bevor sich alles zuspitzte und ich schließlich zum Friseur ging, um meine Haare überfärben zu lassen, dachte ich an Jean Seberg. Ich glaube, Jean Seberg wurde geboren, um diese extreme Kurzhaarfrisur in Weißblond zu tragen. Sie machte sie zu einem unverwechselbaren Typ. Ich dachte auch an die Queen. Ich kann sie mir gar nicht anders vorstellen als mit ihren silbergrauen Löckchen. Sie stehen ihr gut, weil ihr Gesicht markante Konturen und stets eine frische Farbe hat. Ja, die Queen sieht immer so aus, als sei sie im Morgengrauen auf einem ihrer Shetlandponys schon über die Felder rund um Schloss Balmoral geritten.

Die Frisur, die am besten zu mir passt, ist der haselnussbraune Bob. Weil es die Farbe meiner Augen ist, weil es zu meiner Gesichtsform und zu meiner Haut passt. Haselnussbraun ist Teil meiner Identität oder zumindest meines Wunschdenkens über meine Identität. Die Veränderung, die vor sich ging, während meine Friseurin das Grau haselnussbraun überfärbte, war unfassbar. Hätte ich es nicht selbst im Spiegel gesehen, hätte ich es nicht geglaubt. Die Uhr wurde angehalten, ja deutlich zurück gedreht. Innerhalb einer Viertelstunde wurde ich um, und das ist jetzt wirklich nicht übertrieben, zehn Jahre jünger. Die neue Haarfarbe reflektierte das Licht. Meine Augen, die unter dem Grau der Haare matt ausgesehen hatten, nahmen wieder Glanz an. Die Gesichtshaut, die aschfahl und bleich gewesen war, leuchtete. Ich fühlte mich wie neugeboren, so, als ob ich aus einer Sackgasse herausträte und das Leben jetzt wieder ein Füllhorn voller Möglichkeiten wäre. Ich sah aus dem Fenster des Salons. Draußen war Frühling, die Bäume blühten. Alles war ganz einfach wieder wunderschön.

Ich habe den Selbstversuch abgebrochen, weil er mir am Schluss zu deprimierend war und mir permanent schlechte Laune machte. Die grauen Haare haben mich nicht froh gemacht. Ich fühlte mich mit ihnen alt, hässlich und merkwürdigerweise auch arm. Das lag vielleicht an der obdachlosen Frau, der ich kürzlich begegnete. Als ich sie beobachtete, während sie über die Straße schlurfte, hatte ich plötzlich das Gefühl, so enden zu können wie sie. Ich will jetzt nicht melodramatisch werden, denn bei mir besteht nicht die Gefahr, obdachlos zu werden. Ich fand nur, dass ich auf dem Kopf so ähnlich aussah wie sie mit ihrem schütteren, mausgrauen Haar.

Vor jeder Frau, die sich langsam die Farbe aus den Haaren heraus wachsen lässt, habe ich den größten Respekt. Mir ist es nicht gelungen, weil mir das Grau meiner Haare nicht gefallen hat. Es war mir zu undefiniert und zu mausig. Ich fing an, mit religiösem Eifer nach Kopfbedeckungen zu suchen, trug ständig Mützen, um die blässlichen Haare zu verbergen oder vermied es ganz, das Haus zu verlassen. Um gegenzusteuern und Farbe ins Gesicht zu bekommen, hätte ich in anderer Hinsicht Aufwand treiben müssen. Wimpern färben, Augenbrauen färben, Make up tragen. Ich habe das abgewogen und mich entschieden, dass für mich der Aufwand geringer ist, wenn ich einmal im Monat die Haare färben lasse. Vielleicht werde ich in einigen Jahren noch mal einen Versuch unternehmen. Aber dann würde ich eins anders machen: Ich würde mir nicht wieder die Farbe langsam aus den Haaren heraus wachsen, sondern sie sofort schneeweiß färben lassen, mir eine markante Brille kaufen und mich von einem Make up-Profi bezüglich eines neuen Looks beraten lassen. Wenn ich meinem jüngeren Ich einen Rat gegeben könnte, dann den: Am besten fängt man gar nicht erst damit an, seine Haare zu färben. Weil es eine Falle ist, aus der man nur sehr schwer wieder heraus kommt.

Aber lassen wir jetzt besser mal die Haare. Über Haare werde ich erst mal kein Wort mehr verlieren.

2 Kommentare zu „Mein Leben mit grauen Haaren

  1. Oh Ursel, einfach köstlich! Du hast meinen langweiligen Tag gerettet mit einer großen Portion Lachen.
    Meine Mutter sagte immer: “Alt macht grau! Alt sein will ich nicht.” Und ließ färben. Jetzt ist sie im Altersheim, hat wunderschöne fluffig zarte weiße Haare und sieht aus wie die Queen. Alles zu seiner Zeit.

    Liebe Grüße aus Detmold
    Bettina

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