Mein Leben im Hotel

Meine wunderbare Schwiegermutter verbrachte in jedem Frühling vier Wochen allein in einem Hotel. Es war ein Haus aus den Zwanziger Jahren am Mittelmeer, Bauhaus am Meer. Sie bezog ein großes Erkerzimmer mit hohen Decken und viel Licht. Die Möbel waren türkisfarbig gestrichen, auf dem Boden lag ein türkis-grauer Teppich, an den Wänden hing Kunst, die sie nicht weiter störte. Sie fand, das sei schon das Beste, was man über Kunst an Hotelwänden sagen konnte. Sie verbrachte hier jedes Mal eine grandiose Zeit. Der Übernachtungspreis betrug für einen Monat 3600 Euro. Niemand konnte fassen, dass sie so viel Geld für Übernachtungen in einem Hotel ausgab. Doch sie argumentierte, dass man es sich jeder Zeit wert sein müsse, viel Geld in sein persönliches Wohlbefinden zu investieren. Sie rechnete sich aus, dass der Hotelpreis 120 Euro am Tag betrug, was nach den Standards von guten Hotels am Meer geradezu ein Schnäppchen sei. Eine wirklich kleine Summe, nur 5 Euro pro Stunde, weniger als ein Glas Wein in einem Café. Nicht dass sie je vorgehabt hätte, stündlich ein Glas Wein zu trinken. Klar aber war, dass sie am liebsten jede Stunde ihres Lebens in diesem Hotel gewohnt hätte.

Aber lassen wir mal das Geld beiseite. In dieser Sache geht es schließlich nicht um Geld, sondern es geht um Liebe. Meine Schwiegermutter liebte es, sich in schönen Hotels aufzuhalten, und ich liebe es auch. Die Hotel-Existenz enthebt mich dem Alltag. Es ist der Ort einer wirklich gewordenen Utopie, in der ich zur Prinzessin werde. Was rede ich? Ich werde zur Königin. Kein Betten machen, kein Staubsaugen, kein Feudeln mit dem Wischmob, kein frühmorgendliches, schlaftrunkenes Stolpern zum Bäcker und zum Käseladen, kein Tisch decken und kein Spülen. Wenn ich möchte, werden mir die Mahlzeiten sogar im Zimmer serviert. Eine Kellnerin klopft, rollt einen Servierwagen in den Raum, öffnet die Flasche, hebt die silberne Haube vom Teller, wünscht freundlich guten Appetit und entschwebt diskret.

Auf den Gast, der ein Hotelzimmer zum ersten Mal betritt, wirkt der Raum vollkommen unberührt. Wie ein Erstbezug. Es liegt nichts herum, es riecht nach nichts, obwohl hier bis vor kurzem andere Menschen gewohnt haben. Jedes Hotelzimmer wirkt zunächst wie ein Raum ohne Geschichte und bildet damit den perfekten Hintergrund für die eigene Geschichte. Wir gehen ins Bad, drapieren unsere Kosmetikartikel auf der Ablage. Wir legen unsere Bücher auf den Nachttisch, öffnen den Laptop, greifen zum Telefon, buchen einen Tisch im Hotelrestaurant, und die Geschichte beginnt.

Zu meiner Geschichte gehört, dass ich, je älter ich werde, desto intensiver von Hotels träume. Ich muss gestehen, dass ich insgeheim für die Zukunft an einen Daueraufenthalt denke, denn ein Altern in Würde scheint mir eigentlich nur im Hotel gesichert. Es bietet maximalen Komfort und maximale Konstanz, wobei es ein dynamischer Ort ist, der im Gegensatz zum Altersheim immer in Bewegung ist. Die Gäste kommen nicht zum Sterben hierher, sondern um zu arbeiten, zu entspannen oder sich zu amüsieren. Sie sind bemüht, sich als beste Version ihrer selbst zu präsentieren. Die Hotelhalle ist ein Ort der Begegnungen, in der der Gast vom Clubsessel aus bei der Beobachtung der Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern stammen, eine kleine Weltreise machen kann. Nicht zu vergessen das Hotelrestaurant, das feine Menus statt Milchsuppen serviert. Jaja, ich weiß, das kostet. Und jaja, ich spiele neuerdings schon Lotto.

(Der Text wurde im April 2016 im COSMOS, dem Journal der Unternehmensgruppe Graf von Oeynhausen-Sierstorpff veröffentlicht.)

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