Pirelli-Kalender 2017 – nein danke!

Helen Mirren (71), nur in eine graue Decke gehüllt, blickt streng und majestätisch in die Kamera. Charlotte Rampling (70), im schlichten, weißen T Shirt, das ihre sehr blasse Haut gekonnt betont, fixiert die Kamera kühl aus ihren berühmten Wolfsaugen. Nicole Kidman (49), die Haare lässig zum Dutt geknotet, neigt ihren Kopf mädchenhaft und schaut verträumt. 44 Jahre ist das Durchschnittsalter der 12 weltberühmten Schauspielerinnen, die Peter Lindbergh für den Pirelli-Kalender 2017 fotografiert hat. Sie tragen schlichte Outfits, befinden sich in leeren, undekorierten Räumen. Angeblich sind sie ungeschminkt.

Ältere Frauen werden für den berühmten Pirelli –Kalender, kurz „The Cal“, fotografiert. Die Idee ist gut, denn die Abbildungen könnten anderen älteren Frauen Mut machen, zu sich und ihrem Alter zu stehen. Das könnten sie tun, die Abbildungen. Sie tun es aber nicht. Mit diesen Bildern stimmt etwas nicht. Das können Sie mir glauben. Ich kann das beurteilen, denn ich bin eine ältere Frau. Ich weiß, wie ich aussehe und wie andere Frauen meines Alters aussehen.

Ich fühle mich unwohl mit diesen Fotos. Was ist eigentlich los mit ihnen? Zunächst einmal sind sie gekonnt von einem Großmeister der Fotografie und seinem 10köpfigen Team aufgenommen worden. Aus 300 000 wurden die 12 besten ausgewählt. Sie sind stimmungsvoll in Schwarz-Weiß fotografiert und perfekt ausgeleuchtet. Sie erzählen Geschichten von schönen, nicht mehr ganz jungen Frauen, die sympathisch, sensibel, kraftvoll und natürlich sind. Die Frauen zeigen ihre straffen, gesunden Körper und ihre glatten Gesichter. Einige haben, kaum sichtbar, ein paar Fältchen rund um die Augen oder zwei kleine Vertiefungen, die von der Nase zu den Mundwinkeln führen. Selbst Nicole Kidman, die für ihre nicht mehr vorhandene Mimik kritisiert wird, strahlt eine vollkommen natürliche Verletzlichkeit aus. Doch was die Natürlichkeit betrifft, gibt es bei allen Fotos noch ganz viel Luft nach oben. Ihnen fehlt das Frische, Ehrliche und Uninszenierte. Die Frauen werden nicht als echte Frauen sondern als Kunstfiguren präsentiert. Über ihre Bilder ist ein Filter gelegt. Kein einziges offenbart etwas von der Persönlichkeit der abgebildeten Frau, von ihrem wirklichen Leben, ihren Problemen und Sorgen.

Die Bilder machen mich wütend. Sie sagen: Ältere Frauen! Kauft den Kalender! Geht damit nach Hause und schämt Euch, weil Ihr ein Ideal seht, das Ihr nie erreichen werdet. Doch wir älteren Frauen wollen andere ältere Frauen nicht mehr als Kunstfiguren sehen. Wir wollen echte Vorbilder, keine Idealbilder, deren Gesichter und Körper nur mit Hilfe von guten Ärzten, sehr viel Geld und äußerster Disziplin und Leidensfähigkeit erreicht werden können. Wir lassen uns nicht mehr täuschen. Schon gar nicht vom Pirelli-Kalender. Schließlich wissen wir: Unser älteres Gesicht und unser älterer Körper hat uns durch unser Leben gebracht, uns an jeden Ort der Welt begleitet, Kinder geboren, Eltern begraben, Krankheiten überstanden und uns auch bei der Wanderung über die Alpen nicht im Stich gelassen. Wenden wir uns von „The Cal“ ab und unserem alten Gesicht zu. Betrachten wir es mit Gelassenheit, Stolz und mit Liebe.

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