Wie ist es, wenn einem plötzlich der Tod begegnet

Wir waren auf der Rückfahrt aus der Winterfrische. Der Mann und ich, tiefenentspannt auf der Brennerautobahn. Jetzt nur noch 900 Kilometer bis nach Hause. An der Grenze oben auf dem Pass ein Stau, eine kurze Pause hinter Innsbruck, am frühen Nachmittag an München und Nürnberg vorbei, bis die Müdigkeit kam. Wir beschlossen, eine Zwischenübernachtung einzulegen. Aber eine besondere sollte es sein, eine die den unvergesslichen Schlusspunkt unter einen harmonischen, erholsamen Urlaub setzte. Kurz vor Würzburg verließen wir die Autobahn und bogen rechts ab Richtung Main. Wir kamen in einen gemütlichen Weinort, umkreisten den mittelalterlichen Stadtkern und hielten vor einem Hotel mit eigenem Weingut. Ja, sagte die Rezeptionistin, ein Zimmer sei noch frei. Als wir unsere Koffer vom Parkplatz durch den Garten rollten, bemerkte ich eine größere Gruppe von Menschen in einem auf der Rückseite des Hauses liegenden Gesellschaftsraum. Da war viel Schwarz. Schwarze Anzüge, schwarze Krawatten auf weißen Hemden, schwarz-weiß gemusterte Tücher auf schwarzen Rollkragenpullovern – Dinge, die man sofort bemerkt, wenn man sich lange mit Menschen und ihrer Kleidung beschäftigt hat. Eine Beerdigungsgesellschaft. Ausgerechnet im gleichen Hotel wie wir! Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen, dachte ich. Da war eine diffuse Angst. Dass, wenn man dem Tod so nahe kommt, er auf einen aufmerksam werden könnte. Dass er einen selbst oder den Mann packen und zu sich holen könnte.

Beim Spaziergang durch den kleinen Ort waren die dunklen Gedanken schnell vergessen. Wir klopften bei Winzern an, probierten, kauften und kehrten guter Dinge ins Hotel zurück. Für den Abend wurde ein Wein Menü angeboten. Drei Gänge mit korrespondierenden Weinen. Das passte zu uns, und wir meldeten uns an.

Um 19 Uhr betraten wir gespannt die Gaststube. Ziemlich voll schon. Aber nein, das durfte jetzt nicht wahr sein! Überall schwarz und weiß. Schwarze Jacketts über weißen Hemden, weiße Perlenketten auf schwarzen Blusen. Ein kleiner Tisch war noch frei, er wurde uns zugewiesen. Während der Mann sich genussvoll in die Speisekarte vertiefte, beobachtete ich die Menschen um uns herum. Sie hoben die Gläser, sie prosteten sich zu, sie schenkten sich aus Bocksbeutelflaschen nach. Dabei unterhielten sie sich lebhaft. Du meine Güte, sie lachten sogar. Ich betrachtete sie mit einer Mischung aus Missmut und Neugier. Ein Mann mit etwas längeren, weißen Haaren sprach lauter als alle anderen. Er gestikulierte, er ging scherzend von Tisch zu Tisch und brachte jetzt sogar Trinksprüche auf Latein aus. Wisst ihr noch damals, in der Studentenverbindung in Göttingen? Offensichtlich ein richtiger Poser. Der habe hier gerade noch gefehlt, beschwerte ich mich. Warum musst du denn auch dein Ohr auf den Tisch legen? fragte der Mann.

Das Abendessen wurde hereingetragen. Große Silberplatten mit Gänsekeulen- und Brüsten, mit Rotkohl und Klößen, Saucieren, Schüsseln mit bunten Blattsalaten und Pommes Frites mit Mayo für die Kinder. Wie unangemessen! sagte ich sehr laut. Warum? fragte der Mann. Weil es sich nicht gehört, an so einem Tag überhaupt Hunger zu haben. Weil jetzt jeder zu Hause sitzen und weinen müsste. Ich warf den eisigsten Blick, zu dem ich fähig war, in Richtung der Enthemmten. Da sagte der Mann: Vielleicht sind sie ja froh, dass jemand nicht mehr leiden muss.

Der Kellner brachte uns den ersten Gang. Ein Glas gut gekühlter Riesling zu einem Rieslingsüppchen, gewürzt mit Hibiskus-Salz. Trotzdem fad, fand ich und löffelte lustlos. Zum Hauptgang, Rehnüsschen mit Rahmwirsing und Eierspätzle, wurde ein intensiver roter Zweigelt eingeschenkt. Wenn sogar die Beerdigungsgesellschaft kräftig zulangte, warum sollte ich nicht auch probieren? Immer fröhlicher ging es um uns herum zu, einfach grässlich. Schließlich, nachdem die Kellner die Tische abgedeckt hatten, erhob sich eine Frau von ihrem Platz. Sehr groß, sehr schlank, prägnanter Kurzhaarschnitt. Sie trat vor die Tische, positionierte sich in auffallend gerader Haltung, ganz in unserer Nähe, blickte in die Runde und, ich glaube, ich täusche mich nicht: sie sah mich kurz an, bevor sie sagte: Ich singe jetzt ein Lied für Dich, lieber Friedrich. Für Dich und für Helen. Es heißt „Sister“. Friedrich nickte. Friedrich, der weißhaarige frühere Korps-Student aus Göttingen. Friedrich, der Witwer.

Mit tiefer, souliger Stimme setzte sie an. Your sweet moonbea, the smell of you in every single dream I dream, I knew when we collided, you’re the one I have decided who’s one of my kind. Hey, soul sister. Gleich beim ersten Ton hatte ich zu weinen begonnen. Ich weinte während des ganzen Liedes, und ich glaube, ich war die Einzige im Raum, die weinte. Ein Mann hatte seine Hände zu einer Muschel geformt, sie an seinen Mund gesetzt und eine imaginäre Trompete erklingen lassen. Andere hatten Schlagzeuggeräusche gemacht, jemand spielte Bass. You gave my life direction, a game show love connection we can’t deny.

Unter freundlichem Applaus ging die Sängerin zu ihrem Platz zurück. Man prostete ihr zu und nahm die Unterhaltung wieder auf. Gelegentlich blickte jemand zu mir herüber, die ich beschämt und immer noch weinend am Tisch saß. Warum weinst Du denn? fragte der Mann. Er nahm mich in den Arm. Ich konnte nicht sprechen, aber ich wusste: Ich weinte um die Schwester, die ich in Wirklichkeit gar nicht habe. Ich weinte um den Mann, vor dessen Tod ich mich fürchte. Ich weinte um mir nahe stehende Menschen, die gerade schwer krank sind und um ihr Leben kämpfen. Ich weinte auch um mich selbst.

Der Kellner servierte uns den dritten Gang, Marillenknödel mit einer schaumig-leichten Vanillesauce, dazu ein Edelzwicker. Am Nebentisch schlug ein eleganter Herr in den Sechzigern mit Monjoubärtchen und runder Hornbrille vor, sie alle hier, Helens Freunde und Familie, sollten sich jetzt jedes Jahr genau an diesem Tag und an dieser Stelle wieder treffen. Man stimmte der Idee zu und plante weitere Reisen. Zur Kirschblüte mit Friedrich nach Kyoto, im Sommer Radfahren im Altmühltal, Weihnachten auf einer Alm und irgendwann mal Silvester in Sydney. Unterdessen beglich der Mann unsere Rechnung. Bevor wir den Gastraum verließen, überlegte ich kurz, ob ich zu Friedrich gehen und ihm kondolieren sollte, doch ich fand, es stand mir nicht zu.

Am nächsten Morgen waren wir die ersten Gäste im Frühstücksraum und wurden von einer freundlichen Dame bedient. Ich konnte nicht anders, ich musste sie in ein Gespräch verwickeln, ich musste mehr erfahren. Woher denn der österreichische Einschlag in Küche und Kellerei komme, fing ich ganz harmlos an. Die Frau des Chefs sei Österreicherin. Übrigens eine Freundin der Verstorbenen, flüsterte sie. Von Helen? fragte ich. Eine ungewöhnliche Frau, sehr beliebt bei allen. Woran sie denn gestorben sei? Der Krebs, sagte die Kellnerin. Sie habe lange gekämpft. Zum Glück keine Kinder. Aber der arme Mann.

Auf der Rückfahrt sprachen wir lange, und wir sprechen noch immer darüber. Darüber dass ich den Tod als Konzept strikt ablehne. Dass ich ihn als einen unerhörten und skandalösen Eingriff empfinden. Dass er uns jedoch spätestens jenseits der Fünfzig und manchmal leider schon sehr viel früher immer näher auf die Pelle rückt. Dass wir ihm vielleicht am besten beikommen können, wenn wir mehr und mehr akzeptieren, dass er zum Leben dazugehört. Wir sprechen auch über Helen und ihre Freunde, die demonstriert haben, dass es sogar angesichts des Verlustes eines Menschen eine Grundzuversicht gegenüber dem Leben geben kann. Dann sprachen wir noch über Beerdigungen, denn wir hatten gesehen, wie durchaus anders, geradezu barock und würdevoll man eines Verstorbenen gedenken kann. Jenseits des protestantisch trockenen Beerdigungskuchens und halber Brötchen mit glänzenden, welligen Käsescheiben, garniert mit einem Stengel vertrockneter Petersilie und einer labberigen Salzstange. Vielleicht kann man es deshalb sogar wagen, von einer Begegnung mit dem Tod berichten, ohne dass jemand mit einem negativen Gefühl zurück bleibt, sondern von der Geschichte bereichert wird, obwohl sie zugegebenermaßen etwas eingetrübt ist.

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