Charles III – Des Königs Duft und Kleider

Charles IIIEin rüstiger, alter Herr stapft mit rosigem Gesicht übers Land. Doppelreihiger Wollmantel mit Fischgratmuster, dazu trägt er einen Anzug in einem blassen Blaugrau, weißes Hemd, eine Krawatte natürlich, Schuhe aus hellbraunem Wildleder, alles maßgeschneidert. Das Foto zeigt Charles Philip Arthur George Mountbatten-Windsor, korrekter Titel: King Charles III,am 25. Dezember 2022 auf dem Weg von Schloss Sandringham in die Kirche zum Weihnachtsgottesdient.

Monarch zu sein ist höchstwahrscheinlich kein erstrebenswerter Job. Zwar muss ein König nicht wie unsereiner sein täglich Brot verdienen, aber ein Leben im Dienst der Krone birgt ein ungeheures Ausmaß an Verantwortung und Unfreiheit. Hinzu kommt die Beobachtung durch die Medien und die Öffentlichkeit. Alle schauen auf ihn. Auf Schritt und Tritt. Überall. Das hat Auswirkungen auf sein Verhalten und natürlich auch auf seine Kleiderwahl. Zum Anforderungsprofil an die Kleidung des Königs gehört: Sie muss alles mitmachen, den Spatenstich und das Nickerchen auf der zehnstündigen Flugreise. Sie muss dezent und seriös sein, aber auch Aufmerksamkeit generieren. Der Monarch muss schließlich sichtbar sein.

2009 ernannte das Magazin Esquire Prince Charles, wie er damals noch hieß, zum bestgekleideten Mann der Welt – und auch nach seinem Amtsantritt als König Charles III gilt er als Ikone des britischen Stils und der Extravaganz. Der Monarch hat den Willen zu stilistischen Markenzeichen. Seinen Ehering trägt er nicht am Ringfinger, sondern am kleinen Finger der linken Hand unterhalb eines weiteren Teils aus seiner Schmuckschatulle. Der auffällige goldene Siegelring ziert seit Jahren den kleinen Finger seiner Hoheit.

Als junger Mann spielte Charles mit teuren Cabriolets und wendigen Polopferden. Abseits des goldenen Käfigs zeigte er sich in extravaganten und lässigen Outfits: faschingshafte Sonnenbrille und Trachtenhalstuch beim Skilaufen in Klosters, Safari-Anzug mit kurzem Arm im Regenwald, weißer Cowboyhut zum hellrosa Sakko beim Rodeo in Kanada und enge Stretchhosen zu kniehohen Stiefeln und nacktem Oberkörper auf dem Poloplatz. Stephen Doig, stellvertretender Chefredakteur von The Telegraph, sagt über die Outfits des Monarchen: „Was mir auffällt, ist, dass er Kleidung wirklich mag und sehr viel Freude daran hat.“ Doig verweist auf die modische Detaillust von Charles III, seine verzierten Manschettenknöpfe und pastellfarbenen Einstecktücher und Krawatten („I happen to know that he loves lilac“).

Stilbewusstsein und sein Bemühen um die perfekte, seriöse Oberfläche sind etwas, das diejenigen, die den König beobachten, oft bemerkt haben. Der Mann, der ihn in zwei Staffeln von The Crown spielte, Josh O’Connor, sagt: „Wenn er aus einem Auto steigt, prüft er seinen Manschettenknopf, seine Jackentaschen und dann erst winkt er. Es ist jedes Mal die gleiche Bewegung.”

Britische Schneiderkunst, märchenhafter Wohlstand, genug Schrankplatz für hunderte von Maßanzügen und Militäruniformen sowie eine Armee von Bediensteten, die seine Garderobenwechsel – oft finden sie mehrmals am Tag statt – beaufsichtigen, sorgen für eine makellose Selbstinszenierung von His Royal Highness. Kein Knopf darf fehlen, kein Stäubchen seine Jacketts und keine Falte seine Hemdkragen verunzieren. Ein entlassener Butler plauderte aus dem Nähkästchen: Selbst die Schnürbänder seiner Majestät werden jeden Morgen mit dem Dampfbügeleisen geplättet.

Charles III, der sich durch Witz, Charme und eine Neigung zur Selbstironie auszeichnet, bezeichnet sich selbst als hoffnungslosen Mode-Fall. Er habe 63 verdammte Jahre gebraucht, bemerkte er kokett, um sich von den Best-Dressed-Listen auf die Worst-Dressed-Listen und wieder zurück zu hangeln, Wie eine stehen gebliebene Uhr, deren Zeiger alle 25 Jahre einmal die richtige Zeit anzeigt, so beschreibt sich der Monarch 2020 im Interview mit Edward Enninful, dem Chefredakteur der britischen Vogue.

Des Königs Garderobe wird von den Besten des Landes hergestellt. Seinen Lieblingsschneidern ist er seit Jahrzehnten treu, sein konservativ-zurückhaltender Stil macht ihn zu einer Figur der Beständigkeit in unruhigen Zeiten. Seine Tagesanzüge aus federleichter Wolle lässt er seit Jahrzehnten bei >Anderson & Sheppard in der Londoner Old Burlington Street oder Kinloch Anderson maßfertigen. Seine Hemden werden von den Shirtmachern Turnbull & Asser und Emma Willis hergestellt, während seine Schuhe vom Schuhmacher Crockett & Jones handgefertigt werden. Seine Oberbekleidung stammt von Burberry und Barbour. Strickwaren, gerne in Moosgrün, sind natürlich schottischer Kaschmir von Johnstons of Elgin. Dazu auf dem Land kamelfarbene Breitcordhosen oder Kilt. Textile Massenware wie Flip Flops und Sneakers oder gar Moden wie Jeans und Bomberjacken sind in den Augen der britischen Aristokratie etwas für Menschen, die außerhalb von Schlossmauern aufgewachsen sind.

Das Mantra von Charles III lautet: „Kaufe einmal, kaufe gut.“ Früher wurde dies Haltung als schrullig wahrgenommen, heute gilt sie als fortschrittlich und cool. Charles hat aus seiner Abscheu gegenüber der Wegwerf-Gesellschaft nie einen Hehl gemacht. Seiner Kleidung hält er so lange die Treue, wie unlängst in der Presse dokumentiert, dass er sie auch schon mal gestopft und mit Flicken versehen, trägt. Er hat Lieblingsstücke im Schrank, die immer wieder zum Einsatz kommen. Der Fischgratmuster-Mantel vom Weihnachtsgottesdient in Sandringham hat er, wie Fotos über die Jahrzehnte dokumentieren, bereits 1986 getragen. Der morning coat, in dem er Meghan zum Traualtar führte, stammt aus dem Jahr 1984. Edward Enninful fragte den König im Vogue-Interview, ob er vor der Hochzeit seines Sohnes Harry daran gedacht habe, sich einen neuen Anzug schneidern zu lassen. Die Antwort: „Ich habe darüber nachgedacht. Aber im Fall dieses speziellen morning coat trage ich ihn nur ein paar Mal im Jahr, im Sommer. Also werde ich ihn weitertragen. Erst wenn ich nicht mehr hineinpasse, muss ich mir etwas Neues machen lassen.“ Und weiter: „Ich gehöre zu den Menschen, die es hassen, etwas wegzuwerfen. Ich behalte lieber Dinge, lasse sie ausbessern, als sie einfach aufzugeben.“

Charles Umgang mit seiner Garderobe entspricht den Themen, mit denen er sich seit vielen Jahren beschäftigt: Seine häufig belächelte Liebe zur traditionellen Architektur, sein Bemühen um ökologische Landwirtschaft und Ernährung, seine Förderung alter Handwerkskunst, die in einer globalisierten Welt unrentabel geworden ist. Im Oktober 2010 startete er die Kampagne für Wolle, eine globale Initiative zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Vorteile von Wolle (einem zu 100 Prozent biologisch abbaubaren Textil) und zur Unterstützung von Schafzüchtern und Wollindustrie. Er besuchte die Ausbesserungsabteilung alter Jacken bei Barbour und startete eine Kampagne zur Förderung von Flick- und Stopfläden. 2020 gründete er die Sustainable Markets Initiative zur Förderung des Übergangs zu einer Kreislaufwirtschaft und nachhaltigen Praktiken mit dem ehrgeizigen Ziel der CO2-Neutralität bis 2035.

Dieses Engagement für nachhaltiges Handwerk und gegen Wegwerf-Kleidung führte Charles III. mit Federico Marchetti, Chairman und CEO von Yoox Net-A-Porter, zusammen, mit dem er 2019 das Fortbildungsprogramm für moderne Handwerker lancierte. Es ist Teil der Prince’s Foundation Future Textile Initiative. die 2014 gegründet wurde, um Modedesignstudenten zu ermutigen, traditionelle Textilfertigkeiten zu erlernen. Im Rahmen des Modern Artisan-Programms entwarfen Studenten am Politecnico di Milano und in Großbritannien eine nachhaltige Kollektion für Net-A-Porter, Mr. Porter, Yoox und The Outnet.

Es war nicht das erste Mal, dass Charles in der Mode- und Beauty-Welt mitmischte. So wie andere Leute aus den Johannesbeeren in ihrem Garten einen Rumtopf ansetzen, brachte er in Zusammenarbeit mit der Parfümerie Penhaligons ein eigenes Eau de Toilette auf den Markt. „Highgrove Bouquets“ enthält Duftnoten von Silberlindenblüte, Mimose und Zedernholz aus den Gärten seiner Privatresidenz. Ein Teil des Erlöses geht an seine Stiftung zur Unterstützung von Bildungsprogrammen, nachhaltiger Handwerkskunst und nachhaltiger Landwirtschaft. Duften wie ein Royal und gleichzeitig Gutes tun? War noch nie so einfach, kostet aber. 180 Euro für 100 ml.

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